Reisefilme, Basis der meisten Filmer
 
“Schon wieder ein Reisefilm“, er ist bei einigen Juroren in Ungnade gefallen. Ist ja auch kein Wunder, erstaunlich, was heute auf den Wettbewerben läuft. Amateur ist jeder, der mit Filmen kein Geld verdient. Dazu gehören auch Filmschulen und Ähnliches.     
 
Die meisten Filmer machen Reisefilme, wenn auch nicht immer meisterhaft. Gerade deswegen bekommen die Videoclubs immer wieder neue Mitglieder. Im Videoclub wollen sie lernen, ihren Film besser zu gestalten. Was würde aus unseren Wettbewerben, wenn es die Reisefilmer nicht gäbe. Zwar bekommen ihre Filme nicht immer Auszeichnungen, aber viele sind zahlende Mitglieder. Bitte verstehen Sie diese Feststellung nicht als Kritik, nein, ich will nur die Bedeutung des Reisefilms als Basis unserer Vereine hervor heben.
 
Wie man einen guten Reisefilm macht, kann man in unzähligen Büchern , Broschüren und Zeitschriften nachlesen, nicht zuletzt auch in “Film + Video“ des BDFA. Was soll ich zu diesem Thema neues schreiben ? Da meine Filme in der letzten Zeit etwas Anerkennung gefunden haben, will ich einfach sagen, wie ich es mache.
 
Mit einem Drehbuch im Gepäck reise ich nicht. Wie alle, lese ich vorher Reiseführer und sonstige Literatur. Besonders liebe ich Bildbände. Sie vermitteln mir auch optisch einen Eindruck von meinem Reiseziel. Vor Ort sieht dann alles ganz anders aus. Das Licht ist schlecht, es regnet, das Bauwerk ist viel zu groß, um es mit dem Objektiv zu erfassen und mitunter besteht Filmverbot. Außerdem “gewähren“ die meisten Reiseleiter viel zu wenig Zeit, um etwas Ordentliches zu drehen.
 
An eines habe ich mich gewöhnt, an das Meckern der Mitreisenden, daß ich (und meine Frau) immer die letzten sind, die im Bus erscheinen, bin aber glücklich, wenn ich etwas brauchbares im Kasten habe.
 
Immer gab es reichlich Kritik im Club. “Mir fehlen bei Dir einfach die Großaufnahmen, kannst Du nicht näher rann gehen“ und “Totale, Halbtotale und dann erst Nahaufnahme“. Das weiß ich auch schon lange. Wenn man Sie aber nicht hat? Zumindest nicht, wie es sein muß, von der gleichen Position. Gute Tips, zweifellos. So einfach ist das jedoch nicht. Man ist z.B. 2 Tage in Damaskus, eine total fremde Welt. Was habe ich gemacht? Zunächst mit der Gruppe (20 Personen) gesprochen und den Leuten erklärt, was ich vor habe. Danach folgte ein Gespräch mit der Reiseleiterin. Sie versprach, mich zu unterstützen. Sie war zwar Deutsche, hatte aber in Damaskus studiert, sprach perfekt arabisch und kleidete sich landesüblich. In der großen Omajaden - Moschee betrat sie fast verschleiert (meine Frau auch). Sie hatte uns vorher informiert, wie man sich verhält und was man auf keinen Fall tun darf.
 
Wir bewegten uns, wie alle Moslime, keiner beachtete uns sonderlich. Die Kamera hielt ich zunächst in der Tasche, das Stativ auf dem Rücken. Bald wurde es spannend. Ich stellte das Stativ auf; zog die Beine jedoch nicht heraus. Rechts und links schützten mich die beiden Vermummten. Dann drückte ich auf den Auslöser. Vorher hatte ich den elektronischen Zoom eingestellt. Der bewirkt zwar ein gewisses Bildrauschen, doch das Stativ sorgte für ein ruhiges Bild. Ich konnte ganz schön nahe rann, ohne die Menschen zu stören. Jedenfalls sind mir gute Aufnahmen gelungen. Außerdem habe ich sie noch ein wenig aufgebessert.
 
Ganz schön mutig, können Sie jetzt sagen, stimmt auch. Man muß sich entscheiden, ob man einen Film von einer Sache machen will oder nicht. Mangelnde Großaufnahmen und Nichteinhaltung von Regeln wollte ich im Club nicht mehr hören. Als Entschuldigung möchte ich jedoch sagen, daß ich solche Aufnahmen mit großem Respekt behandle und ihnen im Film immer die erforderliche Würde zuweise.
 
In vielen Fällen kann man die Menschen fragen, ob man sie filmen darf. Ich war erstaunt, wie oft ich ein Kopfnicken bekam, wenn ich auf meine Kamera zeigte. Leider stellten die Leute oft ihre Aktivitäten ein, standen stocksteif da und grinsten in die Kamera. Nichts konnte ich von diesen Aufnahmen gebrauchen. Also habe ich es dann umgedreht gemacht; erst gefilmt und dann den Menschen freundlich zugelacht. In vielen Fällen erhielt ich eine zustimmende Erwiderung. Besonders gute Nahaufnahmen gelingen bei Müttern mit kleinen Kindern. Sie sind stolz auf ihren Nachwuchs; daß er gefilmt wird, ehrt sie. Zwischendurch ein paar Schüsse rechts und links. Wichtig: rotes “Aufnahmelicht“ ausschalten! Das Gleiche gilt für Handwerker, wenn man sich für ihre Arbeit interessiert oder ihnen eine Kleinigkeit abkauft, darf man sie gerne filmen.
 
Während des Filmens entstehen im Kopf schon die ersten Filmideen. Oft bemerke ich dann, daß mir noch ganz bestimmte Szenen fehlen. Wenn es eine “Zeit zur freien Verfügung“ gibt oder die Gruppe gar in einen vom Reiseführer ausgesuchten Laden geleitet wird, dann frage ich nach der Dauer und bin weg, begleitet von meiner Frau natürlich. Oft ist die Zeit, die für Werbungen vorgesehen ist, länger als bei einer Besichtigung.
 
Wieder zu Hause, sichte ich mein Material und überlege, ob ich die Ideen, die ich habe auch umsetzen kann. Auf jeden Fall brauche ich eine Story, wenn möglich auch einen Hauptakteur. Das kann eine Person sein, vielleicht ein Mitreisender, der Reisebegleiter oder ich selbst, ohne im Bild zu erscheinen. Man sagt, was man erlebt hat, was man fühlte und dachte. Ein roter Faden muß erkennbar sein. Ohne einen solchen geht es nicht. Ein roter Faden entsteht auch durch eine zeitliche Entwicklung oder das Hinführen zu einem Ereignis, das in der Zukunft liegt, z. B. das Vorbereiten eines Festes oder der Olympischen Spiele. Dabei kann man alle Sehenswürdigkeiten einer Stadt präsentieren.
 
Sie merken schon. Die Filme, die mit dem Einstieg in den Flieger beginnen und mit der glücklichen Rückkehr enden, das ist nicht meine Sache. Trotzdem haben solche Filme ihre Berechtigung, grandiose Erinnerungen. Nur nichts für den Wettbewerb und besser auch nicht im Club zeigen. Für Unbeteiligte selten geeignet.
 
Warum ? Sie waren 3 Wochen unterwegs. Haben sehr viel erlebt und gesehen. Das jetzt im Zeitraffer von 20 Minuten. Das verkraftet kein Mensch. Selbst, wenn der Film handwerklich gut gemacht ist. Picken Sie sich lieber ein Thema heraus und zwar ein solches, was Sie interessiert, was ihnen Spaß macht und von dem Sie gutes und ausreichendes Material haben. Es gibt unendlich viele Themen. Sie stellen eine Stadt oder einen Stadtteil vor, eine Flußlandschaft, einen Fischmarkt, eine Oase ect., bloß nicht die ganze Reise. Bei einzelnen Themen können Sie auch richtig in die Tiefe gehen und etwas herüberbringen, etwas, was den Zuschauer fesselt.
 
Ich gehe nicht nur wegen des Films auf eine Sache intensiv ein, sondern weil es mir selbst viel bedeutet und ich lerne, andere Kulturen, andere Menschen besser zu verstehen.
 
Wenn ich am Computer sitze und versuche meine Idee umzusetzen, merke ich oft, wieviel Szenen mir fehlen. Vor Ort wäre es einfach, sie nachzudrehen. Was mache ich jetzt? Ein TV-Redakteur sagte mir neulich, daß es den Profis nicht besser geht. Nur, die gehen dann ins Archiv und holen sich das, was sie brauchen. Und wir ? Bei uns ist das nicht so einfach. Ein bißchen Archivmaterial habe ich auch. Wenn es paßt, OK. Reisfelder gibt es in vielen Ländern. Wenn ich nichts habe, spreche ich mit meinen Clubkameraden. Neulich brauchte ich eine hohe Palme. Ich denke, das ist erlaubt.
 
Ein letztes Wort. Wie ist das bei uns Amateuren mit einem Interview ? Oft sagt ein Juror, er hätte sich in meinem Film ein Interview gewünscht. Da ist man 2 Tage in einer Stadt, kann kein Arabisch und soll noch ein Interview arrangieren. Es geht, ja es geht wirklich. Ungewollt hat sich diese Kritik bei mir festgesetzt. Von meiner letzten Reise habe ich gleich 4 Interviews mitgebracht; mit 3 chinesischen Begleitern, die deutsch sprechen und mit einer reizende Chinesin In ihrer Sprache erzählt sie etwas über die Schönheitspflege der chinesischen Frauen. Unser Reisebegleiter hat mir dabei assistiert und das Interview übersetzt.
 
Ich habe durch das Sehen von vielen Reisefilmen in Filmclubs und bei Wettbewerben Teile der Erde kennengelernt, die ich noch nicht kannte. Schon deswegen räume ich dem Reisefilm einen hohen Stellenwert ein. Manche Filme erweckten in mir den Wunsch, selbst einmal dort hin zufahren.  

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